Rhein-Neckar Löwen in „Hölle Ost“ schwer gefordert

Der Erstligist muss sich im DHB-Pokalspiel beim stark aufspielenden SV Kornwestheim mächtig strecken, um Runde zwei zu erreichen.
Als Mannschaft und Zuschauer sich nach der Schlusssirene in der pickepackevollen Kornwestheimer „Hölle Ost“ bei stehenden Ovationen gegenseitig beklatschen, ja bejubeln, beobachtet Shooter Felix Kazmeier ruhig die Szenerie, schüttelt ungläubig – wegen dem, was da gerade passiert ist und noch immer passiert – den Kopf und wischt sich den Schweiß aus den Augen. Und vielleicht auch eine Freudenträne?
Es wäre dem langjährigen Leistungsträger nicht zu verdenken, denn der Drittligameister SV Kornwestheim hat in seinem „Bonusspiel“ in der ersten Runde des DHBPokals gegen das Traumlos Rhein-Neckar Löwen mit einer Sensationsleistung mitgehalten und den haushohen Favoriten aus der Ersten Liga vor echte Probleme gestellt. Für Spieler eines Drittligisten also ein Highlight in der Sportlerkarriere. Dass es am Ende mit 29:33 (15:18) nicht zu einer noch größeren Überraschung reichte, wurde schnell zur Nebensache.
„Es war sehr geil. Die Halle war großartig und wir waren direkt von Beginn an im Spiel. Wir wollten zeigen, dass es schwer ist, in unserer Halle, in unserer Heimat, etwas zu holen. Das ist uns gelungen“, formte Kazmeier seine Eindrücke dann auch in Worte.
In der Tat: Das 1:0 nach 57 Sekunden durch Tim Zeppmeisel per Tempogegenstoß infolge einer Parade von SVK-Keeper Jan Tinti war der Auftakt einer fulminanten Anfangsphase. Die Lurchis gingen mit 2:1, 3:2, 5:3 und 6:4 in Führung. Die Gäste aus der Kurpfalz überließen ihnen dabei den Spielaufbau, setzten auf schnelle Gegenstöße. Und beide Teams waren damit offensiv erfolgreich: Der SVK durchbrach immer wieder die Abwehr. Allerdings fanden die Gäste meist in Sekundenschnelle, bevor die SVK-Abwehr wieder sortiert war, die direkte Antwort.
Auch als die Löwen beim 7:6 erstmals in Führung gingen und auf 8:6 erhöhten, ließen die Kornwestheimer kein Stück nach, stellten auf 8:8 – und waren in den Minuten 17 und 18 durch Felix Kazmeier (10:9) und einen Lupfer über den Keeper von Marco Lantella (11:10) wieder vorne. Dass es die letzte Heimführung in dieser Partie bleiben sollte, war auch später bei all der Euphorie und Unterstützung in der mit einer Zusatztribüne versehenen Halle nicht zu spüren.
Auch nach einem 11:13 und einer Auszeit von Trainer Alexander Schurr blieb der SVK dran. Und wie: Als er am Ende eines Zeitspiels in zentraler Position einen Freiwurf hatte, wurde mit einem Pass auf den neben der Mauer stehenden Maximilian Keil die gesamte Löwen-Abwehr ausgetrickst, und der Kreisläufer vollendete unter dem tosenden Jubel des Publikums zum 14:15 (26.).
Die Löwen – im Aufbauspiel mit der Achse aus den drei Nationalspielern Dani Baijens (Niederlande), Edwin Aspenbäck (Schweden) und Haukur Thrastarson (Island) besetzt – bewiesen ihre Qualität ebenfalls, etwa als Nationalspieler Tim Nothdurft (Deutschland) von Linksaußen beeindruckend weit in den Kreis sprang und auf 17:14 stellte (29.). Eine Sekunde vor der Pause stellten die Gäste dann auf 18:15.
Die einzige kurze Schwächephase hatten die Lurchis direkt nach dem Wiederanpfiff. Die Löwen zogen auf 22:16 (34.) davon, machten in der Defensive dicht und agierten nun, anders als noch im ersten Durchgang, häufiger aus dem stehenden Angriff. Nun war es Kornwestheim, das häufiger mit schnellen Gegenstößen antwortete.
Doch auch in dieser Rolle blühte das Heimteam auf. „Hut ab vor der Mannschaft, dass sie nach dieser Phase nicht noch mehr ins Hintertreffen geraten ist“, lobte Felix Kazmeier später. Mit zwei Empty-Goal-Toren trug er selbst dazu bei – und plötzlich war der SVK nach 21:26 mit 24:27 wieder da. Als Jan Döll zwischenzeitlich in der Abwehr ein starker Ballgewinn gelang, war die Stimmung in der Halle nahe dem Siedepunkt. Auch die Auszeit beim 23:26 überbrückte das Publikum mit lautstarkem Klatschen, angeführt von der Trommel des Fanclubs.
Beim 30:26 für die Gäste dreieinhalb Minuten vor dem Ende war dann absehbar, dass es zum Wunder nicht reichen wird. Doch auch jetzt hielt Kornwestheim weiter dagegen, ehe es am Ende 29:33 stand. „Bei nur vier Toren Rückstand ist es fast schon enttäuschend, da wir sie noch mehr ärgern hätten können, wenn alles optimal gelaufen wäre“, so Kazmeier. Doch der Stolz auf die Leistung überwog überall. „In der Rolle, wenn man nichts zu verlieren hat, hat man es immer leichter. Es war schön, dass wir sie ein bisschen ärgern konnten. Wir haben gut gespielt und den Gegner gefordert, auch wenn der immer noch eine Schippe drauflegen konnte“, lobte Trainer Alexander Schurr den Auftritt seiner Mannen. „Wir können stolz sein auf unsere Leistung“, betonte auch der stark aufspielende Finn Joneleit.
Anerkennung gab es zudem von Gegner-Coach Maik Machulla: „Kornwestheim hat unfassbare Qualität und viel Tempo. Sie spielen anders Handball als alle anderen und das macht es für die Gegner schwierig, sich darauf einzustellen. Wir haben uns schwergetan und mussten kämpfen, hätten es uns klarer gewünscht.“
SV Kornwestheim: J. Tinti, Eibert – Reu, Reusch (1), Luithardt, Keil (1), Bahmann, Zeppmeisel (3), Kazmeier (8/2), C. Tinti (1), Lanig (5), Lantella (2), Kaysen (1), Döll (1/1), Kägler, Joneleit (6).
Rhein-Neckar Löwen: Späth, Jensen – Timmermeister (1), Nothdurft (2), Ciudad-Benitez, Arenth Lassen (1), Mierzwa (6), Steenaerts, Steinhauser (3), Seesing (3), Thrastarson (6/2), Mahé, Jaganjac, Baijens (3), Aspenbäck (6), Kohlbacher (2).
Andreas Hennings
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